Durch Molekularbiologie und Beobachtung in der freien Natur die Welt besser verstehen

10. Juni 2013   Nr. 6/2013 (111)


Max-Planck-Gesellschaft zeichnet Meredith Schuman vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie, Jena, mit der begehrten Otto-Hahn-Medaille aus, die deutschlandweit für die besten Doktorarbeiten vergeben wird.

Forschergeist: Die Preisträgerin der Otto-Hahn-Medaille 2013 aus dem Jenaer Max-Planck-Institut für chemische Ökologie, Dr. Meredith Schuman. Sie findet auch Gefallen daran, Höhlen zu erkunden, die in der Nähe der Versuchsstation des Instituts in Utah, USA, durch Erosion entstanden sind. Foto: privat

Meredith Schuman forscht an Kojotentabak, einer wild wachsenden Pflanze in Nordamerika (siehe Blattduftstoffe vermitteln biologischen Pflanzenschutz und steigern pflanzliche Fitness, Pressemitteilung vom 16.10.2012). Nach ihrer Promotion im letzten Jahr durch die Friedrich-Schiller-Universität Jena wurde ihre Doktorarbeit, in der sie ausführlich neue Erkenntnisse über die natürliche Schädlingsabwehr des wilden Tabaks beschreibt, von der Max-Planck-Gesellschaft mit der Otto-Hahn-Medaille ausgezeichnet. Den Preis, der während der Jahreshauptversammlung der MPG am 5. Juni in Potsdam vergeben wurde, konnte sie jedoch nicht persönlich entgegen nehmen: Sie forscht derzeit wieder im Freiland: in der Lytle Ranch Preserve im Südwesten des US-Bundesstaates Utah, wo das Institut eine Feldstation betreibt, denn jetzt, im Sommer, wächst dort der Kojotentabak (Nicotiana attenuata), die Modellpflanze also, an der die Wissenschaftlerin seit Jahren forscht.

Die junge US-Amerikanerin aus dem Bundesstaat Minnesota wollte ursprünglich in die Fußstapfen ihres Vaters treten, der als Patentanwalt arbeitet, und strebte nach dem Bachelorstudium in Molekularbiologie und Philosophie eine juristische Laufbahn mit den Schwerpunkten Patentrecht und Gentechnik an. Über Kurse in Bioethik und Landwirtschaft kam sie dann allerdings mit dem Forschungsfeld „chemische Ökologie“ in Berührung. Sie war fasziniert von den vielen Facetten der chemischen Kommunikation, derer sich Lebewesen bedienen, um sich anderen Organismen „mitzuteilen“: Die Begeisterung für diese neue Forschungsrichtung und die Liebe zu einem jungen deutschen Physiker führten sie schließlich nach Jena ans Max-Planck-Institut für chemische Ökologie. Unter der Anleitung des Direktors der Abteilung Molekulare Ökologie, Prof. Ian Baldwin, hat sie gelernt, „wie eine Pflanze zu denken“: Nämlich zu verstehen, dass die Pflanze nicht hilflos den vielen pflanzenfressenden Insekten oder Pathogenen ausgeliefert sein kann, sondern Möglichkeiten haben muss, sich zu wehren. Immer wieder machte die Wissenschaftlerin bei Freilandexperimenten unerwartete Beobachtungen: Neue Fraßschädlinge, hungrige Raubinsekten und Bestäuber, besonders Motten und Kolibris, nutzten die Tabakpflanzen für ihre Zwecke − und der Tabak bleibt bei Weitem nicht passiv: Er steuert durch gezielte Abgabe gasförmiger Substanzen und durch Bildung von Nektar und Nikotin das Verhalten der ihn umgebenden Tiere. Einige dieser Substanzen, mit denen der Tabak sich gegen seine natürlichen Feinde wehrt, hat sie genauer erforscht. „Untersuchungen und Beobachtungen in der freien Natur sind extrem wichtig; im Gewächshaus allein ist eine solche Forschung unmöglich“, so Meredith Schuman.

Die Faszination für die Wissenschaft und insbesondere für die chemische Ökologie wird Meredith Schuman auch zukünftig nicht loslassen, ob nun als Forscherin oder als Lehrende. „Wissenschaft ist revolutionär“, meint sie, „eine Methode, die jeder lernen kann und mit deren Hilfe man die Welt nicht nur besser verstehen, sondern vielleicht auch ändern kann.“ Sie denkt dabei auch an den Nutzen der chemisch-ökologischen Forschung für die Landwirtschaft, die vor der Herausforderung steht, einer wachsenden Weltbevölkerung ausreichend Nahrung zu liefern − besonders in den unwirtlichen, von Pflanzenschädlingen bedrohten Regionen auf diesem Planeten. [AO/JWK]

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